Nachrufe

In diesem Frühjahr starben drei ZeitzeugInnen aus Wuppertal und der Region.

Luise Jacobs mit 93 Jahren gestorben

Wie erst durch ihren kanadischen Neffen bekannt wurde, ist Luise Jacobs am 19. Februar 2026 in ihrem Exilland, in Holland, gestorben. Geboren 1933 als Tochter des jüdischen Kaufmanns Arthur Jacobs in Heiligenhaus, gelang es ihrer katholischen Mutter Maria, sie und ihre beiden Geschwister Helene und Klaus im März 1939 vor den Nationalsozialisten in einem Kloster in den Niederlanden unterzubringen und damit zu retten. Arthur Jacobs war im Rahmen der Aktion „Arbeitsscheu Reich“ schon seit 1936 immer wieder verhaftet und in verschiedenen Konzentrationslagern, u.a. in Sachsenhausen, inhaftiert worden.

Erst als Erwachsene begann Luise Jacobs, auch aus therapeutischen Gründen, sich mit dem Leidensweg ihres Vaters genauer auseinanderzusetzen. Sie fand heraus, dass er als nicht mehr arbeitsfähiger Häftling am 26. Januar 1941 mit einem sogenannten „Invalidentransport“ vom Konzentrationslager Neuengamme zunächst in das Konzentrationslager Dachau und schon am folgenden Tag in die Tötungsanstalt Schloss Hartheim bei Linz verbracht und dort getötet worden war. Der Körper wurde verbrannt und die Asche in die Donau gekippt – einer von rund 30.000. Dessen ungeachtet, schickten die Täter eine Urne an die jüdische Gemeinde in Wuppertal, die auf ihrem Friedhof auch ein Grab anlegte. Dass die Beschriftung des Grabsteins fehlerhaft ist, hat Luise Jacobs bei einem Besuch dort persönlich festgestellt.

Luise Jacobs hat über ihren Vater und die Spurensuche nach ihm ein Buch geschrieben: „Der Mann mit dem Hut“. Erschienen ist es im Klartext-Verlag in Essen.

Jacques Altmann  mit 103 Jahren in Paris gestorben

Am 13. März 2026 starb der in Elberfeld geborene Holocaust-Überlebende Jacques Altmann im Alter von 103 Jahren in Paris. Adolf Altmann, der sich nach dem Krieg nach seinem ermordeten jüngsten Bruder „Jacques" nannte, wurde am 3. März 1923 als zweiter Sohn des Schneiders Sucher Altmann und seiner Frau Dina Schwarz in Elberfeld geboren. In der Paradestraße 29 betrieben die Eltern eine Schneiderei. 1932 zog die Familie nach Dortmund um, aber weil der Vater im Verdacht stand, Kommunist zu sein, verließ  die mittlerweile fünfköpfige Familie schon kurz nach der nationalsozialistischen Machtübernahme das Land und ließ sich in Nancy, später dauerhaft in Romainville bei Paris nieder. Auch hier verdienten die Altmanns ihren Lebensunterhalt mit einer Schneiderei. In Romainville wurden nach drei Söhnen nun noch zwei weitere geboren. 

Jacques, der Sportler und leidenschaftlicher Boxer war, wurde 1941 zum ersten Mal verhaftet , weil er sich in eine Schlägerei mit Nazis verwickeln ließ, die das Geschäft seines Vaters mit NS-Propaganda beklebt hatten. Er kam in ein Gefängnis in Paris, konnte durch ein Fenster entkommen und flüchtete auf einem Polizeifahrrad nach Sablé in der Sarthe, später nach Nantes. Dort schloss er sich unter falschem Namen einer Widerstandsgruppe an, die in ihrer Autoreparaturwerkstatt vor allem LKWs der Wehrmacht durch Sabotage untauglich machte. Aber im Rahmen einer Razzia flog Altmanns Identität auf. Er wurde sofort verhaftet und in das Durchgangslager nach Drancy bei Paris verbracht, um am 10. Februar 1944 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert zu werden. Dort waren seine Eltern und seine vier Brüder bereits im Jahr zuvor, am 3. November 1942 ermordet worden. In Auschwitz wurde Jacques Altmann dem Kommando "Kanada" zugeteilt, das an der so genannten „Rampe“ und in der Effektenabteilung arbeiten musste. Im Oktober 1944 wurde er nach Ohrdruf, einem Außenlager von Buchenwald, überstellt, wo er im April 1945 von amerikanischen Truppen befreit wurde. Jacques Altmann war der einzige Überlebende seiner Familie.

In der Dauerausstellung der Begegnungsstätte Alte Synagoge, die Jacques Altmann mit seiner Frau Lucie mehrfach besucht hat, ist ein lebensgeschichtliches Zeitzeugen-Video zu sehen.

Sigrid Hanni Wolf mit 93 Jahren gestorben

Sie hat Generationen von Schülerinnen und Schülern am Gymnasium am Kothen in Englisch und Französisch unterrichtet, war treues Mitglied der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, gebildet, neugierig, reiselustig und belesen: Sigrid Hanni Wolf, geboren am 6. November 1932 am Oberwall 65, heiratete nie und nutzte die Freiheiten, die ihr die Berufstätigkeit und ihre familiäre Ungebundenheit bot. Nun ist sie hochbetagt am 26. März 2026 im Pflegeheim St. Remigius in Wuppertal-Sonnborn gestorben.

Sigrid Wolfs jüdischer Großvater, Georg Caro, der 1871 noch in Berlin geboren worden war und nach seiner Zeit als Kaufmann im „Residenz-Kaufhaus“ (Reka) in Dresden 1932 zur Geburt der Enkelin mit seiner Frau Johanna nach Wuppertal zog, stammte aus einer der berühmtesten Gelehrtenfamilien der jüdischen Geschichte: Der Rabbiner und Kabbalist Josef Karo verfasste im 16. Jahrhundert die auch heute noch maßgeblichen religiösen Vorschriften, wie sie im so genannten „Schulchan Aruch“ gesammelt sind. Auch dieser faszinierenden Familiengeschichte spürte Sigrid Wolf auf ihren Reisen in Spanien und Israel nach.

Ihr jüdischer Großvater Georg Caro starb am 14. Dezember 1944 als Opfer der letzten Deportation von Jüdinnen und Juden aus Wuppertal in Berlin. Sigrid Wolf teilte ihre Lebensgeschichte und die ihrer Vorfahren mit der Begegnungsstätte Alte Synagoge und war darum eine wichtige Zeitzeugin.

Die Begegnungsstätte Alte Synagoge und ihre Mitarbeitenden werden die Verstorbenen in ehrendem Andenken bewahren.

Die tätowierte Nummer auf dem Arm von Jacques Altmann (Foto: Christoph Schönbach)