Auge um Auge – Zahn um Zahn?
Vor hundert Jahren wandte sich der Elberfelder Rabbiner Joseph Norden gegen den Missbrauch des Bibelverses
Ein Beitrag von Dr. Ulrike Schrader, Leiterin der Begegnungsstätte Alte Synagoge
Die Parole „Auge um Auge – Zahn um Zahn“ ist nicht nur heute allgemein bekannt und gebräuchlich, sondern hat eine lange Tradition. Gemeint ist damit üblicherweise eine Logik von Rache und Vergeltung: Schlägt jemand einem anderen ein Auge aus, so dürfe der Geschädigte wiederum dem Täter ein Auge ausschlagen. Für Zähne gelte dasselbe.
Was so klingt wie eine Gesetzmäßigkeit, findet sich in der Bibel, und zwar im Alten Testament. Das Bild – oder besser: Zerrbild – eines jüdischen Rachegottes nutzte die christliche Mehrheitsgesellschaft, um ihm ihren Gott der Liebe als den Besseren entgegenzustellen. Dass so eine Polarisierung gefährlich werden kann, haben Juden und Jüdinnen in ihrer langen Geschichte mit christlichen Nachbarn immer wieder erfahren, in Pogromen, Vertreibungen, Verdächtigungen und Lynchjustiz. Selbst in der Weimarer Republik, immerhin eine Demokratie, war Antisemitismus konsensfähig und weit verbreitet, und radikale rechte Parteien gossen Öl ins Feuer. 1926 erhielt darum Joseph Norden, der liberale Rabbiner von Elberfeld, den Auftrag, einen erklärenden Kommentar zum Rachewort „Auge um Auge – Zahn um Zahn“ aus jüdischer Sicht zu verfassen.
Auftraggeber war der „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“, kurz „CV“ genannt. Dieser mitgliederstärkste jüdische Verein überhaupt war schon 1893 gegründet worden, weil absehbar war, dass sich Antisemitismus seit ca. 1880 rasend schnell verschärfte, vor allem in seiner rassistischen Version. Zweck des CV war folglich ein Maßnahmenbündel, das man heute als „Empowerment“ bezeichnen würde: Aufklärung über das Judentum, Rechtshilfe und politisches Engagement.
Joseph Nordens Broschüre erschien 1926 im vereinseigenen „Philo-Verlag“. Auf der Basis einer breiten Kenntnis der jüdischen Auslegungspraxis und auch der christlichen Theologie erläutert der Rabbiner zunächst die Herkunft und die Bedeutung des Verses in Tora und Talmud und kommentiert die Auslegung durch Jesus in der Bergpredigt des Neuen Testaments. Im Ton immer freundlich und versöhnlich, im Glauben an die Überzeugungskraft der Aufklärung, in der Hoffnung auf das Interesse und den guten Willen seiner Leser und Leserinnen beweist Norden schrittweise das Prinzip einer Gerechtigkeit zum Wohle einer durch Recht und Glaube gebundenen Gesellschaft – ein Prinzip, das auch der Jude Jesus nicht aufgehoben habe.
Von den vielen Publikationen Joseph Nordens ist sein Kommentar zum Bibelvers „Auge um Auge“ wohl die wertvollste. Dass sie den grassierenden Antisemitismus der 1920er Jahre nicht aufhalten konnte, schmälert nicht ihren Erkenntniswert. Angesichts des auch heute gefährlichen Anstiegs antisemitischer Haltungen hat die Begegnungsstätte Alte Synagoge Joseph Nordens Schrift darum neu ediert.
Joseph Norden: Auge um Auge – Zahn um Zahn. Ein missverstandener Bibelvers. Neuausgabe, ISBN 978-3-940199-21-8, erhältlich in der Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal, 6 €

